Wirbelsäulen Rehabilitation

12.04.2017
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Die Kombination aus steigender Lebenserwartung, Bewegungsmangel, Übergewicht und wachsender Beliebtheit sportlicher Aktivitäten mit hohem Verletzungsrisiko führt zu zunehmender Bedeutung von Bewegungstherapie, Rehabilitation und medizinischer Prävention bei Wirbelsäulenerkrankungen.

Der menschliche Körper ist auf Bewegung ausgerichtet. Seit Beginn der industriellen Revolution vor mehr als 200 Jahren erfolgt jedoch eine stetige Reduktion von körperlicher Arbeit. Die Folge: Unser Bewegungsapparat und das Herz-Kreislaufsystem werden häufig nicht mehr genügend gefordert. Es kommt zu Krankheiten durch Bewegungsmangel und Mangel an körperlicher Arbeit. Einseitige Belastungen des beruflichen Alltags (zum Beispiel den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen), Übergewicht und Stress stellen heutzutage die häufigste Krankheitsursachen dar. Speziell chronische und akute Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule steigen stetig. Betroffen sind nahezu alle Altersgruppen, beginnend mit den Fehlhaltungen von Schulkindern und Jugendlichen über die, oft durch Bewegungsmangel und Haltungsverfall ausgelösten, Beschwerden von Erwachsenen, bis zu schweren degenerativ bedingten Problemen des Alters.

Präventivmedizin

Neue Therapiemöglichkeiten für entsprechende Indikationen ermöglichen spezifische Therapien und helfen schädigenden Einwirkungen auf die Wirbelsäule entgegenzuwirken. Eine wesentliche Bedeutung kommt hier der Präventivmedizin zu. Man unterteilt sie in:

  • Primärprävention: setzt vor dem Auftreten einer Erkrankung an. Die Erkennung jener Störfaktoren, die anfänglich noch ohne krankmachenden Effekt und später krankheitsverursachend sind, ist hier wesentlich.
  • Sekundärprävention: erfolgt im Frühstadium einer Erkrankung mit den Zielen Früherkennung und Verhinderung von Verschlechterung und Chronifizierung von Erkrankungen.
  • Tertiärprävention: hat das Ziel nach Manifestation und ggfs. Akutbehandlung einer Erkrankung Folgeschäden und Rückfälle zu vermeiden.
  • Quartärprävention: darunter versteht man die Verhinderung von unnötiger Medizin oder „Übermedikalisierung“.

So läuft die Therapie ab

Die wichtigsten Pfeiler der Therapie und Prävention sind Screening, gesunde Ernährung, Bewegung zur Kräftigung, Stabilisation und gegebenenfalls Korrektur des Stütz- und Bewegungsapparates (z.B. von Beinlängenunterschieden welche zu Fehlhaltungen der Wirbelsäule führen) sowie zur Verbesserung der Organfunktion des Herz-Kreislaufsystems, Arbeitsplatzergonomie, Stressbewältigung und Suchtprävention.

Zu Beginn ist eine individuelle Analyse von Haltung, statischen Verhältnissen (Becken-, Schulterschiefstand, Skoliose, etc.), Organfunktionen, akuten sowie chronischen Schmerzen und biopsychosozialen Verhältnissen unerlässlich. Es muss unterschieden werden ob Muskeln, Knochen oder Nerven die Ursache der Fehlhaltung sind.

Die Behandlungsziele beinhalten Schmerztherapie, Normalisation des Muskeltonus, Therapie von Gelenksdysfunktionen und -fehlstellungen, Stabilisation der Stütz- und Bewegungsapparates, sowie Prophylaxe durch Erkennen und Beseitigen von auslösenden Faktoren.

Individuell angepasste Therapie

Nach den aktuellen Richtlinien ist ein multimodales, auf Indikation und jeweiligen Patienten zugeschnittenes Therapiekonzept zu empfehlen. Die therapeutischen Möglichkeiten beinhalten medikamentöse Schmerztherapie, Heilgymnastik, Kraft-, Ausdauertraining, Manualtherapie, Elektrotherapie, Kälte-, Wärmetherapie, Massage, Akupunktur, psychologische Beratung, diätologische Beratung, medizinische Prävention und Telerehabilitation. Auch neue Therapiemethoden wie kaltes Rotlicht, Stoßwellentherapie, therapeutisches Klettern, gewichtsentlastendes Training für Wirbelsäule (z.B. Schlingen-Training), Extensions- und Vibrationstherapie, Gleichgewichtstraining und Kinesiotaping können maßgeblich zum Therapieerfolg beitragen.

Es steht eine Vielzahl an altbewährten und modernen Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Die wichtigsten möchten wir hier näher beschreiben. Alle erwähnten Therapiearten werden in der orthopädischen Rehaklinik Wien Baumgarten angewendet:

  • Medikamentöse Schmerztherapie

Besonders zu erwähnen ist hier die Infiltrationstherapie als intramuskuläre Injektion in Kombination mit Dehnungsübungen bei lokaler Schmerz- und Verspannungssymptomatik.

  • Physikalische Heilgymnastik

Die physikalische Heilgymnastik als Einzel- oder Gruppentherapie und die selbständige Fortführung der erlernten Übungen sind die Grundform jeder Bewegungstherapie. Zur Korrektur der Körperhaltung sind korrigierende und stabilisierende Heilgymnastik und in weiterer Folge Arbeitsplatzoptimierung unerlässlich.

  • Tiefenstabilisation

Tiefenstabilisation zur Therapie von muskulär verursachten Wirbelsäulen-Beschwerden lässt sich mit allgemeinen Kräftigungsübungen der betroffenen Muskulatur durchführen.

  • Therapeutisches Klettern

Therapeutisches Klettern zeigt positiven Einfluss auf Motorik, Kognition und Emotion. Diese Therapieform eignet sich besonders gut bei Haltungsschwächen und Instabilität.

  • Kraft- Ausdauer- und Koordinationstraining

Kraft- Ausdauer- und Koordinationstraining dienen der Verbesserung der Beweglichkeit, Stabilisierung und der Funktionsverbesserung. Mindestens 30 Minuten Ausdauersport und 15 Minuten Kräftigungsübungen für die Rumpfmuskulatur sollten täglich erfolgen.

  • Posturographie

Posturographie als Verfahren zur Ermittlung der Funktionsfähigkeit der Gleichgewichtsregulation und das posturographische Training auf instabilem Untergrund sind ein essentielles Training für das Verhalten in extremen Bewegungssituationen und dienen somit als wichtiges Mittel zur Sturzprävention.

  • Gang- und Standanalyse

Gang- und Standanalyse gehören zu den Standards bei Pathologien der Wirbelsäule und der unteren Bewegungskette. Moderne Geräte mit Laufband ermöglichen zudem computerkontrolliertes Training des Gangbildes.

  • Gewichtsentlastendes Training

Gewichtsentlastendes Training der oberen oder unteren Extremitäten und der Wirbelsäulenmuskulatur ist nach Verletzungen, Operationen oder bei chronischen Reizzuständen wichtig.

  • Stoßwellen-Ganzkörpertherapieliege

Die Stoßwellen-Ganzkörpertherapieliege wirkt nach dem Prinzip der Mechanotransduktion (die Übertragung eines mechanischen Reizes auf Gewebe) unter Verwendung niederenergetischer Stoßwellen und erreicht über Beeinflussung des muskulären Tonus frequenzabhängig entspannende oder aktivierende Effekte und Schmerzreduktion.

  • Aquatherapie

Aquatherapie ermöglicht gelenkschonendes Training mit Widerstand, welches durch entsprechende Hilfsmittel, wie z.b. Wasserhanteln, Auftriebsgürteln oder Widerstandshandschuhen adaptiert werden kann. Sie sollte in jedem Therapiekonzept berücksichtigt werden.

  • Manuelle Therapie

Manuelle Therapie ist bei Blockierungen und Hypermobilität bzw. Instabilität angezeigt, wobei Manipulationen und/oder Mobilisationen in Kombination mit Physiotherapie besonders wirksam sind.

  • Elektrotherapie

Elektrotherapie mit Gleich- oder Wechselströmen ist ein wesentlicher Bestandteil der Therapie. Der Einsatz der Elektrotherapie erfolgt zur Muskel- und Nervenstimulation, Durchblutungsförderung und Schmerzlinderung.

  • Ultraschalltherapie

Ultraschalltherapie zeichnet sich durch Tiefenwirkung im Gewebe aus und führt durch lokale Mehrdurchblutung zur Ankurbelung des Zellstoffwechsels und ist daher postoperativ und posttraumatisch hervorragend einsetzbar.

  • Thermotherapie

Thermotherapie als lokale Wärme- oder Kältetherapie ist bei lokalisierten Schmerzen eine weitere Therapieoption.

  • Massagetherapie

Massagetherapie kann als Ergänzung ins Therapieschema einfließen.

  • Psychologische Betreuung

Psychologische Betreuung im Sinne zumindest eines Motivationsgesprächs und je nach Bedarf psychopathologische Anamnese, Biofeedback, EMG, Diskriminationstraining (Entspannung vs. Anspannung), Herzratenvariabilität (Anpassung von Puls und Atmung), Entspannungstraining, Krankheits-, Schmerz- und Stressbewältigungstherapie (Burn-out-Prävention) sind im Rahmen stationärer Therapie unerlässlich und bei ambulanter Therapie oft hilfreich.

  • Diätologische Betreuung

Diätologische Betreuung im Sinne von Ernährungstherapie, Fettanteilsmessung und Bioimpendanzanalyse (elektrische Gewebewiderstandsmessung) sind für nahezu jeden Patienten sinnvoll.

Fazit

Ein individuelles, durch den Facharzt, Therapeuten und Patienten erarbeitetes, multimodales Behandlungsschema bestehend aus einer Kombination von Schmerztherapie, aktiven und passiven physikalischen Therapien unter Berücksichtigung der biopsychosozialen Komponenten (Gewichts- und Stressreduktion, Arbeitsplatzergonomie) ist das oberste Ziel bei Bewegungstherapie und Rehabilitation. Bei entsprechender Indikation können Zusatztherapien angewendet werden. Im Anschluss sind regelmäßige Kontrollen beim Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie und Physiotherapeuten und die Fortführung der erlernten heilgymnastischen Übungen, u.U. mittels Telerehabilitation zu empfehlen. Dies ist unter Verwendung eines Tablet-PCs mit entsprechender Software möglich.

Das Ziel ist hinzugewonnene Jahre bei möglichst guter Gesundheit zu verbringen.

Der Autor Prim. Dr. Maximilian Schmidt - Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie - ist ärztlicher Leiter der Rehaklinik Wien Baumgarten.

 

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Autor

Dr. Maximilian Schmidt vorm. Rehaklinik Wien Baumgarten

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