Suchtartiges Arbeitsverhalten

15.02.2017
Suchtartiges Arbeitsverhalten

Michael Musalek, Raphaela Zeidler

Arbeit nimmt in unserer Gesellschaft und in unserem persönlichen Erleben einen zentralen Stellenwert ein. Sie ist einerseits wirtschaftliche Existenzgrundlage, andererseits die Grundlage für die Selbstwertbildung des Einzelnen und die Anerkennung durch andere. Zudem vermittelt Arbeit soziale Kontakte und strukturiert den Tag.

Dennoch gibt es bis heute keine klare Definition des Wortes “Arbeit”. Der Begriff ist sehr weit gefasst und bezeichnet höchst unterschiedliche Aktivitäten. Auch die “Belastbarkeit” der Menschen durch Arbeit lässt sich nicht objektiv festsetzen: Was dem einen schon viel (oder “zu viel”) Arbeit erscheint, ist für den anderen locker zu bewältigen.

Geht man also davon aus, dass sich weder “Arbeit”, noch die Höhe eines zumutbaren Arbeitspensums allgemeingültig definieren lassen, wird klar, warum es auch für “Arbeitssucht” keine eindeutige Definition gibt.

Es gilt jedoch – wie bei allen Suchterkrankungen: Sucht ist keine Erkrankung für “Schwächlinge”. Nur wer von vorn herein viel verträgt, ist arbeitssuchtgefährdet.

 

Abgrenzung und Definitionsversuch: Was ist Arbeitssucht?

Der Psychologe Wayne Edward Oates beschreibt “Workaholism” als “ein exzessives Bedürfnis nach Arbeit, das Beeinträchtigungen in den bereichen der physischen Gesundheit, zwischenmenschlicher Beziehungen, des persönlichen Wohlbefindens und der Erfüllung der sozialen Rollen nach sich zieht.”

In Anlehnung an das Wort “Alkoholismus” wird also hier das Exzessive in den Mittelpunkt gerückt. Was aber bedeutet “exzessives Arbeiten”? Was ist ein “normales” Arbeitspensum und ab welchem Zeitpunkt wird es “exzessiv”, “problematisch” oder gar “pathologisch”?

Musalek und Zeidler sprechen sich für eine Grenzziehung nach qualitativen statt quantitativen Kriterien aus: Auch sogenanntes “engagiertes Arbeiten” kann exzessive Ausmaße annehmen, es wird aber von den Betroffenen und der Umwelt als positiv und belebend empfunden.

Für die Definition von Arbeitssucht gibt daher: “Nicht wie viel jemand arbeitet, ist ausschlaggebend (...), sondern ob er selbstgewählt viel arbeitet (weil er Freude an der Arbeit oder dem damit verbundenen Erfolg hat) oder weil er sich innerlich getrieben zur Arbeit genötigt sieht bzw. dauernd arbeitet, um Unruhe und Spannungszustände zu vermeiden, die sich sofort einstellen, wenn er nicht arbeitet.” (Musalek, Zeidler)

Ein Begriff der in Zusammenhang mit Arbeitssucht häufig fällt, ist “Burnout”. Hier ist jedoch anzumerken, dass massive Arbeitsbelastung- bzw. -überlastung nur Teilaspekt eines Burnouts sind. Andere Faktoren sind z.B. Mobbing, unfaire Behandlung am Arbeitsplatz, Wertekonflikte oder Partnerkonflikte.

 

Wer ist von Arbeitssucht betroffen?

Arbeitssucht ist längst nicht mehr eine Randerscheinung der Gesellschaft. Zwar gibt es noch nicht genug Daten, aber die massiv steigende Anzahl an Burnout-Fällen, die ja (wie erwähnt) in engem Zusammenhang mit Arbeitssucht stehen, weisen darauf hin, dass es sich zunehmend um ein Massenphänomen handelt.

Die Erkrankung betrifft beide Geschlechter in gleichem Ausmaß. Aktuell liegen nur verlässliche Daten über Menschen in erwerbsfähigem Alter vor. Da die Entwicklung einer Suchterkrankung aber ein längerer Prozess ist, kann man davon ausgehen, dass entsprechende Probleme nicht erst bei Erwachsenen auftreten. Auch Jugendliche und Kinder, die oft versuchen depressive Symptome durch stundenlanges Lernen zu kompensieren, können Symptome von Arbeitssucht entwickeln.

 

Symptome der Arbeitssucht

“Hohes Arbeitsengagement” muss von “zwanghaft süchtigem Arbeiten” unterschieden werden. Ersteres steht in Zusammenhang mit Wohlfühlen (auch im Sinne eines “flow”) und beruflichem Weiterkommen, zweiteres bedeutet für die Betroffenen Leid und Kranksein.

 Symptome von zwanghaft süchtigen bzw. problematischem Arbeitsverhalten sind:

Innerer Drang und Zwang: Arbeitssüchtige arbeiten nicht aufgrund externer Anreize, sondern durch innere Getriebenheit.

  • “Craving”: Ähnlich wie bei stoffgebundenen Süchten besteht ein innerer Drang nach mehr und mehr.
  • Toleranzentwicklung: Es braucht immer mehr Arbeit, um das “Craving” zu stillen.
  • Erhöhung der Dosierung bzw. Zeitliche Ausdehnung der Arbeit auf alle Lebensbereiche
  • Kontrollverlust: Arbeitsabstinenz wird zunehmend unmöglich.
  • Unruhezustände in der Freizeit: Das Charakteristikum des Arbeitssüchtigen ist nicht das viele Arbeiten, sondern vielmehr der Umstand, dass er unfähig ist, Zeiten ohne Arbeit zu verbringen.
  • Vegetative Übererregung (Hyperarousal)
  • Erschöpfung und Ausgelaugtsein
  • Keine Befriedigung durch die Arbeit, fehlende Selbstanerkennung
  • Abstinenzerscheinungen bei fortschreitender Arbeitssucht: Dazu zählen etwa Blutdruckerhöhung, Schwitzen, Schlafstörungen etc.
  • Körperliche und psychische Erkrankungen, soziale Störungen (Depressionen, Angstsyndrome, soziale Isolation…)
  • Arbeiten als einziges Zentrum des Lebens: Alle anderen Interessen und Aktivitäten treten in den Hintergrund. Es wird nicht mehr gearbeitet, um zu leben, sondern man lebt, um zu arbeiten. Erholung von der Arbeit wird unmöglich.

 

Komorbidität

Unter Komorbiditäten versteht man begleitende Erkrankungen bzw. Erkrankungen, die zeitgleich mit der (primären) Suchterkrankung auftreten. Die häufigste Komorbidität der Arbeitssucht ist das Burnout. Sowohl Burnout, als auch Arbeitssucht sind Prozesse, die unterschiedliche Stadien durchlaufen. Beide Prozesse können eng miteinander verwoben sein. Dementsprechend muss sich die Behandlung der primären Erkrankung auch an den Stadien der jeweils anderen Störung orientieren.

Andere häufige Komorbiditäten der Arbeitssucht: 

  • Depressionen
  • Angststörungen
  • Persönlichkeitsstörungen
  • Suchterkrankungen: Hier steht an erster Stelle die Nikotinsucht, aber auch Alkohol und stimulierende Suchtmittel (Kokain, Amphetamine) können als Katalysatoren dienen.

 

Entstehung und Risikofaktoren

Bei der Entwicklung der Arbeitssucht werden prädisponierende bzw. krankheitsauslösende Faktoren von suchterhaltenden bzw. krankheitsverstärkenden Faktoren unterschieden.

Vorbedingung ist – wie bei jeder Sucht – die Attraktivität und gute Verfügbarkeit des Suchtmittels.

Genetische Prädispositionen sind nicht bekannt. Es gibt aber Krankheiten, die eng mit der Arbeitssucht verbunden sind (siehe Komorbidität) und ihrerseits starke genetische Komponenten aufweisen (z.B. bipolare Störungen, Depressionen.)

 Folgende Gegebenheiten fördern Arbeitssucht:

  • Intrinsische Faktoren: Zwangsverhalten, Angstsyndrome, mangelnder Selbstwert, depressive Störungen
  • Extrinsische Faktoren: soziale Interaktionsprobleme, Abhängigkeit von der Anerkennung durch andere, Partnerschaftsstörungen
  • Das Zusammenspiel mit affektiven oder Persönlichkeits-Störungen kann den Prozess der Arbeitssucht wesentlich verstärken.

 

Diagnose der Arbeitssucht

Derzeit gibt es keine eigene ICD-10-Klassifikation der Arbeitssucht. Das Phänomen wird unter “Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen” in der Kategorie “Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle” (F6.3) eingeordnet.

 Diese Definition greift zu kurz, da Arbeitssucht ein hochkomplexes Suchtgeschehen ist, nicht nur eine einfache Impulskontrollstörung. Arbeitssüchtige Personen erfüllen in der Regel alle Kriterien, die international als Kriterien von “Abhängigkeitserkrankungen” anerkannt sind. Daher schlägt Musalek vor, die Abhängigkeitskriterien entsprechend zu erweitern: Was auf “psychotrope Substanzen” zutrifft (sprich: auf Substanzen, welche die Psyche des Menschen beeinflussen), lässt sich bei “psychotrop wirksamen Handlungsweisen” ebenso beobachten. (Glücksspielsucht, Arbeitssucht…)

Darüber hinaus steht die Arbeitssucht (wie auch das Burnout) noch vor einem anderen diagnostischen Problem: Sie ist kein plötzlich in die Welt getretenes “Ding”, sondern ein dynamischer Prozess. Eine Diagnose, die nur eine Momentaufnahme dieses Prozesses liefert, wird immer zu kurz greifen. Vielmehr gilt es, den gesamten Prozess zu erfassen.

Auch werden die Symptome höchst unterschiedlich erlebt. Eine umfassende Diagnostik der Arbeitssucht muss somit nicht nur Symptome auflisten, sondern auch deren Bedeutung für den Einzelnen und sein Umfeld verstehen.

 

Therapie

Das Hauptproblem bei der Behandlung von Arbeitssucht liegt im mangelnden Krankheitsbewusstsein der Betroffenen. Meist kommen sie erst spät in Behandlung oder sehen ihr Verhalten nicht als problematisch.

Früherkennung und frühe Behandlung begünstigen jedoch den Behandlungserfolg deutlich.

Wie alle Suchterkrankungen ist die Arbeitssucht eine chronische Erkrankung, die sich langsam schleichend entwickelt, sodass ihr Beginn nicht eindeutig festsetzbar ist, die aber – auch in Hinblick auf ihre Komorbiditäten und Folgeerkrankungen – sogar einen tödlichen Ausgang nehmen kann.

Ansätze zur Behandlung und Rehabilitation: 

  • Ausrichtung auf die Umwertung der bisherigen Wertigkeiten
  • Die Behandlung darf sich nicht nur an den Einzelsymptomen orientieren, sondern muss auch andere, damit verwobene Störungen einbeziehen.
  • Entscheidend für den Erfolg ist ein klares Behandlungsziel, über das sich Therapeut und Patient einig sind.
  • Das Behandlungsziel muss für den Patienten attraktiv und erreichbar sein. Der Erfolg der Behandlung ist bei Suchterkrankungen nämlich weniger von der jeweiligen Behandlungsmethode abhängig, als davon, ob jemand konsequent über längere Zeit in Behandlung bleibt. Je attraktiver das Ziel, desto geringer die “Drop-Out-Rate”.
  • Ziel der Behandlung ist nicht die bloße Verhaltensänderung. Es geht um eine Umgestaltung des Lebens (und Erlebens) der Betroffenen.
  • “Quality-of-Life-Konzepte”: Es geht nicht nur um Wiedereingliederung in die Gesellschaft und den Arbeitsprozess, sondern auch um Lebensqualität für die Betroffenen.
  • “Recovery-Konzepte”: Der Genesungsprozess hat keinen fixen Endpunkt, sondern wird als Entwicklung gesehen, als schrittweise Verbesserung des Allgemeinzustands.
  • “Orpheus-Programm”: Das im Anton-Proksch-Institut entwickelte Programm dient der Ressourcen-Aktivierung von Betroffenen. Die Freude an einem “schönen Leben” soll wieder entdeckt werden.
  • Die Komorbiditäten entscheiden über die Behandlungsdauer. Jeder Behandlungsplan muss daher die Komorbiditäten – insbesondere Burnout – mit einbeziehen.

 Zum Anton Proksch Institut:

Das Anton Proksch Institut ist eine der führenden Suchtkliniken Europas. Unser Leistungsspektrum umfasst einerseits stationäre Therapien bei Alkohol-, Medikamenten-, Drogen-, Nikotin-, Spiel-, Computer- und Internet-, Arbeits- und Kaufsucht. Andererseits bieten wir auch ambulante Therapien an.

Wissenschaftliche Weiterentwicklung, professionelle Qualitätsstandards, aber auch Menschlichkeit und Wertschätzung bei der Behandlung von Suchtkranken – dafür steht das Anton Proksch Institut (API) in Wien-Liesing, das am im Jänner 2017 das 60-jährige Bestehen seiner Stiftung feierte. Das Institut betreut aktuell pro Jahr etwa 2.000 Patientinnen und Patienten stationär und rund 4.700 ambulant. Im Haus in Wien-Liesing wurde in der jüngeren Vergangenheit auch das „Orpheus-Programm“ entwickelt, das einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Suchtkranken bedeutet. Wie Orpheus aus der griechischen Mythologie, der den Sirenen widersteht, indem er selbst ein schöneres Lied singt, geht es bei dem innovativen Behandlungskonzept darum, das Leben von Suchtkranken wieder schön, lust- und sinnvoll zu gestalten – und so die Verführungskraft von Suchtmitteln zu minimieren.

Das Anton Proksch Institut ist eine Gesundheitseinrichtung der VAMED Gruppe.

 

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Autor

Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Musalek Anton Proksch Institut

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