Diagnostik & Therapie der Alkoholsucht

10.09.2016
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Alkoholabhängigkeit ist eine schwere Krankheit, die das Leben um durchschnittlich 19 Jahre verkürzt. In Österreich sind etwa eine Million Menschen alkoholkrank oder gefährdet.

Wann spricht man von Alkoholkrankheit? 

Es gibt keinen risikofreien Alkoholkonsum. Dennoch wird Alkoholkonsum unterhalb eines gewissen Grenzwertes als “risikoarm”, oberhalb des Grenzwertes als “riskant” eingestuft. Diese Grenzwerte sind jedoch nur Anhaltspunkte. Sie sind international unterschiedlich und können auch nicht auf alle Menschen einheitlich angewendet werden (Schwangere, Jugendliche…)

Ein akuter Rausch oder ein Hangover sind noch kein Zeichen von schädlichem Alkoholgebrauch. Von schädlichem Alkoholmissbrauch spricht man erst dann, wenn durch den chronischen Alkoholkonsum eine nachweisliche Schädigung der psychischen oder physischen Gesundheit eingetreten ist.

Merkmale der Alkoholabhängigkeit

Um von einer Alkoholabhängigkeit zu sprechen, müssen mindestens drei der folgenden Kriterien erfüllt sein (Quelle ICD-10):

  1. Ein starkes Verlangen oder eine Art Zwang, Alkohol zu konsumieren
  2. Schwierigkeiten, die Einnahme zu kontrollieren (was den Beginn, die Beendigung und die Menge des Konsums betrifft)
  3. Ein körperliches Entzugssyndrom, wenn die Substanz reduziert oder abgesetzt wird, nachgewiesen durch alkoholspezifische Entzugssymptome oder durch die Aufnahme der gleichen oder nahe verwandten Substanz, um Alkoholentzugssymptome zu vermindern oder zu vermeiden
  4. Toleranzentwicklung gegenüber der Wirkung der Substanz
  5. Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen zugunsten der Alkoholeinnahme; es wird viel Zeit verwandt, Alkohol zu bekommen, zu konsumieren oder sich davon zu erholen
  6. Fortdauernder Alkoholgebrauch trotz des Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen, wie z.B. Leberschädigung durch exzessives Trinken, depressive Verstimmungen infolge starken Alkoholkonsums; es sollte dabei festgestellt werden, dass der Konsument sich tatsächlich über Art und Ausmaß der schädlichen Folgen im Klaren war oder dass zumindest davon auszugehen ist.

Zu den oben erwähnten körperlichen Entzugserscheinungen zählen Symptome wie Zittern, Unruhe, Schwitzen, Schlafstörungen und Kreislaufprobleme, aber auch Angst und Depression.

Wer ist betroffen?

Die Wahrscheinlichkeit im Laufe seines Lebens alkoholkrank zu werden, liegt in Österreich bei 10% (14% bei Männern, 6% bei Frauen). Die Gesamtzahl der Alkoholkranken ist dabei in den letzten Jahren gleich geblieben, wobei der Anteil an Frauen zunimmt, während der Anteil an Männern leicht absinkt. Entgegen gängiger Vermutungen sind Jugendliche nicht die Hauptproblemgruppe. Es stimmt zwar, dass unter jungen Menschen eine Zunahme des Alkoholkonsums beobachtet wird, diese dürfte aber mit dem heutzutage früheren Einsetzen der Pubertät in Zusammenhang stehen.

Gründe der Alkoholkrankheit

Das individuelle Krankheitsrisiko ist einerseits von genetischen, andererseits von sozialen und psychischen Faktoren abhängig. Auch bereits vorhandene psychische Krankheiten wie Depression oder Angststörungen beeinflussen die Suchtentwicklung.  

Diagnose

Zur Diagnose der Alkoholkrankheit stehen einige standardisierte Fragebögen zur Verfügung. Außerdem können Blut, Harn und Atemluft auf entsprechende Biomarker untersucht werden, wie man das etwa von Verkehrskontrollen kennt. Dass Problem dabei ist, dass sich der Alkohol schnell abbaut und bereits nach einigen Stunden nicht mehr nachweisbar ist. Allerdings gibt es Stoffwechselprodukte, die sich noch einige Tage danach finden lassen. Um unbeabsichtigte Alkoholaufnahme (z.B. durch Obst, Sauerkraut etc.) auszuschließen, sollten diese Untersuchungen nach 24 Stunden wiederholt werden. Chronischer Alkoholkonsum lässt sich in den Haaren der Betroffenen messen. Diese lassen auch Rückschlüsse auf die konsumierten Mengen zu.

Therapie

Abhängig von der Schwere der Erkrankung kommen verschiedene Therapieformen zum Einsatz, die oftmals aufeinander aufbauen:

  • Kurzzeitinterventionen: Können in einem nicht spezialisierten Setting, also z.B. auch von Allgemeinmedizinern, durchgeführt werden. Sie dienen in erster Linie der Beratung und Information der Betroffenen sowie einer individuellen Zielsetzung.
  • Körperliche Entgiftung: Hier geht es darum, körperliche Ausfallserscheinungen und Komplikationen, die durch Alkohol entstanden sind, zu behandeln. Kommt es bei der Entgiftung zu Entzugserscheinungen, werden diese vom behandelnden Therapeuten möglichst gelindert.
  • Qualifizierte Entzugsbehandlung (QE): Die QE geht über die rein körperliche Entgiftung hinaus und berücksichtigt auch psycho-soziale Faktoren. Hier geht es um eine Stabilisierung der Abstinenz und eine Eingliederung in gesellschaftliche Hilfsstrukturen, die den Betroffenen nach der Behandlung weiter begleiten können (Sozialarbeit, Selbsthilfegruppen, Psychotherapie etc.).
  • Abstinenztherapie/Reha: Nach der Entgiftung und QE folgt die Phase der Rehabilitation. Ergotherapie, psycho-soziale Betreuung und die Einbeziehung der Angehörigen kennzeichnen diesen Prozess. Nicht immer kann vollkommene Abstinenz erreicht werden, zumindest aber eine deutliche Reduktion des Alkoholkonsums.
  • Lebensneugestaltung: Wird ein süchtiger Mensch von seinem Suchtmittel getrennt, so geht damit auch ein für ihn bislang wichtiger Lebensinhalt, ein Quell seiner Lebensfreude verloren. Nun gilt es, Alternativen zu finden, die Freude bereiten und den Betroffenen die Möglichkeit zu geben, ihr Leben schön, freudvoll und dabei selbstbestimmt - also frei von Sucht - zu gestalten.

Medikamentöse Therapien

Begleitend zur Entzugsbehandlung können Medikamente eingesetzt werden. Sie helfen, Entzugssymptome zu reduzieren oder zu lindern, es gilt jedoch, darauf zu achten, dass sich keine “Suchtverschiebung” entwickelt. Je nach Indikation werden unterschiedliche Medikamente eingesetzt, z.B. Benzodiazepine oder auch Antikonvulsiva, um entzugsbedingte Krampfanfälle zu verhindern. Die jeweils passende Medikation ist individuell mit dem Arzt zu besprechen.

Quelle:

Musalek Michael, Ferdin Wolfgang (2015): Diagnostik und Therapie der Alkoholsucht. In: Ärzte Magazin 27/2015

 

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