Burn Out als Prozess

10.09.2016
Anton Proksch Institut Frauenstation.jpg

Burn-Out-Betroffene zu beraten, bedeutet zunächst, den Prozess zu verstehen, den sie durchmachen. Burn-Out ist eine vielschichtige Krankheit, die sich über Jahre entwickelt. Eine Therapieentscheidung muss daher berücksichtigen, in welchem Stadium des Prozesses sich der Patient befindet. 

Die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit ist fließend. Niemand ist “komplett krank” oder “völlig gesund”. Gerade bei prozesshaften Krankheiten, die sich über einen längeren Zeitraum entwickeln, ist der Punkt, an dem Symptome “noch gesund” oder “bereits krankhaft” sind, schwer festzumachen.

Diesem “Gesund-krank-Kontinuum” kommt eine besondere Rolle zu, wenn man versucht, Burn-Out als Prozess zu begreifen, der im Gesunden beginnt und – nach einer Übergangsphase – im Kranken endet. Das Erkennen der einzelnen Phasen ist nämlich nicht nur von theoretischem Interesse, es ist auch wichtig für die Behandlung: Welche Therapie an welchem Punkt des Prozesses zum Einsatz kommt, ist entscheidend für den Erfolg.

In der Fachliteratur finden sich diverse Ansätze, die Phasen eines Burn-Outs beschreiben. Sie variieren von drei bis zwölf Stadien, wobei sich die Modelle auch darin unterscheiden,ob sie die Reihenfolge der Stadien als fix oder als variabel betrachten. Die hier vorgestellte Einteilung orientiert sich am Übergang von gesunden zu kranken Burn-Out-Erscheinungen.

Die wichtigsten Merkmale der drei Stadien

Burn-Out Stadium 1: Problemstadium (“Ich kann alles…”) 

  • Überlastung/Überforderung (dem Betroffenen selber allerdings unbekannt)
  • Kompensationsmechanismen
  • Fehlende Freizeit(-aktivitäten)
  • Vernachlässigung eigener Bedürfnisse
  • Vernachlässigung von Beziehungen
  • Erhöhte Reizbarkeit/Spannungszustände
  • Schlafstörungen (Einschlafstörungen)
  • Appetenzstörungen (Essen,Sexualität etc.)

Burn-Out Stadium 2: Übergangsstadium (“Ich kann noch…”)

  • Überlastung/Überforderung (inzwischen vom Betroffenen bewusst wahrgenommen)
  • “Sympathikotonus”, d.h.das vegetative Nervensystem befindet sich in einem andauernden Erregungszustand. Diese Alarmbereitschaft führt zu einer Leistungssteigerung.
  • Fehlende Freizeit(-aktivitäten)
  • Völlige Zentrierung auf die Arbeit
  • Zunehmende soziale Isolierung
  • Spannungszustände/innere Unruhe (vor allem ohne Arbeit)/Ängste
  • Ein- und Durchschlafstörungen
  • Erhöhte Gereiztheit/depressive Verstimmung
  • Unspezifische psychosomatische Beschwerden

Burn-Out Stadium 3: Erkrankungssstadium (“Ich kann nicht mehr…”)

  • Völlige Erschöpfung (“Parasympathikotonus” als Gegenreaktion auf die Alarmbereitschaft in Stadium 2)
  • Arbeitsunfähigkeit (subjektiv/objektiv)
  • Sozialer Rückzug/Sozialphobie
  • Depression
  • Chronische Schmerzen
  • Verkürzter/verlängerter Schlaf (Aufwachstörung)
  • Manifeste körperliche Erkrankungen
  • Generalisiertes “Losigkeitssyndrom” (freudlos, lustlos, antriebslos, appetitlos, interesselos, aussichtslos)
  • Lebensüberdruss

Welche Therapie an welchem Punkt des Prozesses zum Einsatz kommt, ist entscheidend für den Erfolg

Die Therapie des Burn-Outs muss sich an dem jeweiligen Stadium der Erkrankung orientieren. In Stadium 1 macht etwa eine umfassende stationäre Reha, wie sie in Stadium 3 angebracht ist, keinen Sinn. Für Burn-Out-Patienten in Stadium1 ist eine arbeitspsychologische Analyse und Beratung wichtig. Es geht hier um Informationen und Hilfestellungen zur individuellen Lebenssituation und um Ressourcenaktivierung bzw.um das Auffinden von Kraftquellen.

Stadium 2 erfordert psychiatrische und psychotherapeutische Maßnahmen, die über eine bloße Beratung hinausgehen. Stadium 3 bedarf einer komplexen Behandlung und Rehabilitation, die körperliche, psychische und soziale Probleme, aber auch die Ressourcen des Einzelnen mit einbezieht.

Ziel der Therapie darf nicht eine möglichst rasche Wiedereingliederung in die Arbeitswelt sein, das wäre realitätsfern und oft kontraproduktiv. Vielmehr geht es darum, den Betroffenen wieder ein möglichst freudvolles und autonomes Leben zu ermöglichen.

Quelle:

Musalek Michael, Zeidler Raphaela (2013): Burn-out als Prozess. In. Spectrum Psychiatrie 4/2013

 

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

+ Der Artikel "Burn Out als Prozess" zum "Nachhören" - Podcast!
+ "Das Orpheus Programm" - von Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Musalek
+ "Diagnostik & Therapie der Alkoholsucht" - von Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Musalek
+ "Alkohol am Arbeitsplatz" - von Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Musalek
+ "Suchtartiges Arbeitsverhalten" - von Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Musalek

AUTOR

Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Musalek Anton Proksch Institut

Gräfin Zichy Straße 6 1230 Wien
E-Mail