Alkohol am Arbeitsplatz

17.09.2016
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Das Thema Alkoholkrankheit bzw. -abhängigkeit am Arbeitsplatz ist nach wie vor ein großes Tabu. Dabei führt “Wegschauen” zu enormen volks- und betriebswirtschaftlichen Kosten.

Der Umgang mit alkoholkranken Mitarbeitern ist in doppelter Hinsicht kulturabhängig - einerseits spielt die gesellschaftliche Kultur eines Landes, andererseits die spezifische Unternehmenskultur eine Rolle. So herrscht beispielsweise in streng islamischen Ländern eine Abstinenzkultur, während in Österreich Alkohol durchaus toleriert bzw. unter gewissen Umständen sogar Alkoholexzesse als “cool” gelten. Ähnliche Unterschiede gibt es zwischen verschiedenen Branchen: Ein Bier in der Mittagspause wird bei einem Bauarbeiter eher akzeptiert als bei einem Piloten. Dabei zeigt sich, dass der Umgang eines Betriebes mit Alkohol auch Auswirkungen auf das Freizeitverhalten seiner Mitarbeiter hat. Eine betriebliche Suchtprävention und ein geregelter Umgang mit Alkoholkranken ist daher wichtig - weit über die Grenzen der einzelnen Firma hinaus.

Welche Kosten verursacht Alkohol in Betrieben?

Der volkswirtschaftliche Schaden durch Alkohol in Betrieben ist enorm. Eine Studie beziffert ihn mit 72,7 Millionen Euro pro Jahr. Auch die einzelnen Betriebe leiden: Alkoholerkrankte fehlen laut Studie 16-mal häufiger am Arbeitsplatz, sind 2,5-mal so oft krank und fehlen nach Unfällen 1,4-mal länger als andere Mitarbeiter. Auch erbringen Mitarbeiter mit Alkoholproblemen durchschnittlich 25% ihrer Arbeitsleistung nicht und verursachen somit Kosten von ca. 1,25 % der gesamten Lohn- und Gehaltssumme eines Unternehmens.

Wie ist die rechtliche Situation der Arbeitgeber und Mitarbeiter?

Nicht zulässig: 

  • Krankheit ist kein Kündigungsgrund. Für Mitarbeiter mit Alkoholkrankheit besteht somit bei aufrechtem Dienstverhältnis die Möglichkeit der ambulanten und stationären Suchtbehandlung.
  • Drogentests (Alkomat etc.) gelten als Eingriff in die Privatsphäre und sind nur bei freiwilliger Teilnahme erlaubt.
  • Verweigert ein Mitarbeiter einen Drogentest, so dürfen ihm daraus keinerlei negative Konsequenzen erwachsen. (Ausnahme: Die Durchführung von Drogentests ist im Arbeitsvertrag geregelt.)
  • Bei Vorstellungsgesprächen sind Fragen nach dem Alkoholkonsum arbeitsrechtlich nicht gestattet (Ausnahme: Piloten, Kraftfahrer)

Möglich: 

  • Arbeitgeber können ein Alkoholverbot am Arbeitsplatz aussprechen. Dieses Verbot kann auch Arbeitspausen miteinbeziehen.
  • Mit Zustimmung der Geschäftsführung können Vorgesetzte einen Stufenplan für den Umgang mit Alkohol am Arbeitsplatz entwickeln.

Wie funktioniert ein Stufenplan für die innerbetriebliche Suchtarbeit?

Wichtig ist, Regeln für den Umgang mit Alkoholkranken nicht erst bei einem Anlassfall zu etablieren, um einen kranken Mitarbeiter nicht noch zusätzlich zur Zielscheibe zu machen. Ein Regelwerk soll möglichst abteilungsübergreifend erarbeitet und bindend in die Betriebsvereinbarung aufgenommen werden. Stufenpläne, die sich bewährt haben, beinhalten z.B. das Feststellen der Verhaltensauffälligkeiten, schriftliche Protokollierung, Inkenntnissetzung des Betroffenen, Fixieren eines Beobachtungszeitraumes und Folgegespräche.

Durch die Festlegung der Vorgangsweise weiß jeder Beteiligte, wann welcher Schritt zu setzen ist und welche negativen Konsequenzen bei Nichteinhaltung zu erwarten sind. Das schützt sowohl den Betroffenen, denn die Kündigung ist das Mittel der letzten Stufe, davor gibt es noch zahlreiche Möglichkeiten diese abzuwenden, als auch den Vorgesetzten, dem durch die Verankerung in der BV durch das Unternehmen der Rücken gestärkt wird.

Weitere wichtige Eckpfeiler sind die Schulung von Führungskräften im Umgang mit Alkoholkranken, die Entstigmatisierung des Themas unter den Kollegen und die Wiedereingliederung der Betroffenen nach einer stationären Behandlung. Hier profitieren Unternehmen stark von der Kooperation mit spezialisierten Suchtbehandlungseinrichtungen.

Quelle:

Scheibenbogen Oliver, Primus Fanny, Musalek Michael: Alkoholkonsum und Alkoholabhängigkeit im Kontext Arbeit. (Anton Proksch Institut)

 

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